JOHANNA SCHWENK AUTORIN UND MEDIENDRAMATURGIN  
 


VIVA A SARDINHA
Die Novelle „Viva a Sardinha“ (unveröffentlicht) entstand in Zusammenarbeit mit Autor und Kameramann Leif Karpe.


Synopsis: Nach einem dubiosen Fund in einer Sardinenbüchse, wird der Protagonist Mautzner, ein in sich gekehrter Lebensmittelkontrolleur, gegen seinen Willen nach Portugal geschickt, um den Sardinenfischern mal genau auf die Finger zu schauen. Als Tourist getarnt macht er sich auf eine Reise, die gleich mit einer mittelschweren Katastrophe beginnt: Alle seine geheimen Unterlagen wurden gestohlen! Oder hat er sie einfach im Taxi liegen lassen? Völlig auf sich allein gestellt mischt er sich unter die örtliche Fischereiszene und gerät bald in einen Strudel von Ereignissen, die seinen detektivischen Ehrgeiz wecken...


Auszug aus Kapitel VII

Der Markt war ganz in der Nähe des Hotels vor dem Hafengelände in einer großen Halle. Mautzner hatte sich das irgendwie mehr wie den netten Gemüsemarkt in seinem Stadtviertel vorgestellt und war nun überrascht, wie straff organisiert es hier vor sich ging.

Auch wenn Mautzner sie nicht verstand, die Auktionen folgten festen Regeln und es war nicht leicht hier unbemerkt zu bleiben. Die Händler erkannten sich untereinander und sie erkannten sofort, dass Mautzner nicht dazu gehörte. Ihn trafen einige misstrauische Blicke und er war sich plötzlich gar nicht mehr sicher, ob er die beiden Männer vom Wegesrand überhaupt wieder erkennen würde. Die Händler wirkten wie ein aufgeregter Haufen Spekulanten kurz vor Börsenschluss und ihre Währung, die toten Fische lagen auf langen Metallplanken oder in großen angelaufenen Styroporkisten. Mautzner konnte nicht behaupten, dass es nach Fisch stank. Aber es roch nach Fisch. Offensichtlich waren die Tiere nur wenige Stunden tot und verbreiteten nun den warmen Geruch ihres ausgehauchten Lebens. Er quoll ihnen aus den aufgeschlitzten Bäuchen, rann ihnen aus den tränenden Augen und strömte aus dem Dunkel ihrer offenen Münder. Mautzner fühlte, wie sich sein Magen verzog und er hielt sich einen Arm vor Mund und Nase, um diesem Geruch nicht vollkommen schutzlos ausgesetzt zu sein. Das Geschrei der Händler wurde immer lauter. Mautzner dachte an seinen kleinen, ruhigen Platz im Labor, wo die Fleischerzeugnisproben in winzigen Portionen, gut abgepackt auf seinem Tisch landeten. Er sehnte sich plötzlich nach dem beruhigenden Geruch von Reagenzgläsern und Desinfektionsmitteln und beschloss, die Aktion vorerst abzubrechen.

Mautzner verließ die Halle durch einen Seiteneingang. Und da waren sie plötzlich wieder, seine unheimlichen Begleiter: Er musste sich ducken, denn dicht um die Pforten der Halle zankten sich die Möwen unter krachendem Gefieder um die warmen Fischreste. Aber nicht nur der Abfall landete vor der Tür. Mautzner entdeckte auch Kübel mit frischem Fisch, aus denen sich die Vögel ungestört bedienten. Mautzner flüchtete sich an den gegenüberliegenden Kai. „Wie die Aasgeier!“, schimpfte er und wischte sich den Schweiß aus der Stirn. Das ganze war schwerer als gedacht. Es musste einen anderen Weg geben. Er lehnte sich erschöpft an das Mäuerchen, das den Übergang zum Hafengelände markierte. Endlich konnte er wieder durch atmen.

Das Mäuerchen war höchstens Brusthoch, es wäre ein Leichtes hinüber zu steigen aber bei Tageslicht würde er nicht unbemerkt bleiben. Er beobachtete einen älteren Fischer, der gerade angelandet war und nun seinen Fang aus dem Boot hievte. Ein Hund leistete ihm Gesellschaft. Der Mann schien mit dem hektischen Treiben in der Markthalle nichts zu tun zu haben, denn er ließ sich Zeit beim Sortieren seiner Beute. „Was machen sie mit diesem Fang?“ rief Mautzner, der sich wieder etwas gefangen hatte, zu ihm hinüber. Der Fischer richtete sich auf. Er war groß und kräftig und trug einen Vollbart. Auf den haarigen Armen prangten einige Tätowierungen. Ein richtiger Seemann dachte Mautzner. „Die verkaufe ich an den besten Fischhändler in Lissabon“, antwortet er. „Und die, die übrig bleiben gehen an die lokale Konservenfabrik zur Verarbeitung. Da kriegt man aber im Moment nur einen ziemlich unterirdischen Kilopreis.“ „Ja“, sagte Mautzner und deutete auf die vollen Kübel vor der Markthalle, „an Fisch scheint es ja nicht gerade zu mangeln.“ „Sie sagen es, sie sagen es“, stimmte der Mann ihm zu und steckte zwei schwarze Plastikeimer ineinander, die er dann in dem Boot verstaute.

Der Mann war Mautzner sympathisch. „Eigentlich war das immer ein Traum von mir, mal zum Fischen zu fahren“, sagte er gedankenverloren. „Wirklich?“ fragte der Mann ungläubig und ging ein paar Schritte auf Mautzner zu. Er traute dem schlaksigen Herren in der hellen Bügelfaltenhose und der großen Brille auf der Nase diesen Wunsch offenbar nicht zu. „Aber ich war immer zu ängstlich und außerdem hat es sich nie ergeben.“ „Mein Name ist Thiago“, sagte der Mann und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: „Vielleicht ist das jetzt eine Gelegenheit. Was meinen Sie?“

Mautzner winkte ab. „Nie im Leben setze ich mich in so ein Ding. Ich kann gar nicht schwimmen!“ Thiago lachte und schaute Mautzner weiter auffordernd an. „Nein, nein. Wirklich!“ „Na, sie können es sich ja überlegen. Ich mach das ab und zu, fahre Touristen zu den Inseln rüber. Damit verdiene ich während der Saison teilweise mehr als mit dem Fisch!“ Mautzner bedankte sich. „Ich muss weiter.“

Er wollte noch heute die Sardinenfabrik besuchen, denn er bekam den Eindruck nicht los, dass er ganz dicht dran war, dass die Lösung zum greifen nah war, auch wenn er noch im Dunkeln tappte.


Foto(s) by Leif Karpe