JOHANNA SCHWENK AUTORIN UND MEDIENDRAMATURGIN  
 

Ausgewählte Filmkritiken zu Festivalbeiträgen des 26. Exground Filmfestivals in Wiesbaden 2013.


THE WAIT von M BLASH (USA, 2013)



The Wait ist ein außergewöhnlicher Independent Film, der auf dem diesjährigen Wiesbadener Exground Filmfestival Deutschlandpremiere feierte.

Der Tod ihrer Mutter bringt die beiden erwachsenen Schwestern Angela (Jena Malone) und Emma (Chloe Sevigny) und deren kleine Tochter in das großzügige Landhaus ihrer Eltern. Während die jüngere Angela sich schon bald um die anstehende Bestattung kümmert, beruft sich Emma auf eine mysteriöse Anruferin, die eine baldige Rückkehr der Verstorbenen prophezeit. Gegen den Willen ihrer Schwester schickt sie die einberufenen Bestatter fort und beginnt in trotziger Entrücktheit mit den Vorbereitungen einer Willkommensparty für die Rückkehr ihrer Mutter.

Angela ist machtlos gegen die fixe Idee ihrer Schwester und das Warten beginnt. Während die Klimaanlage zur Kühlung des Totenbettes immer niedriger gestellt wird, wüten im sonnengegerbten Oregon Waldbrände.

Und dann ist da noch ein Bruder. Der pubertierende Nachzügler Ian (Devon Gearhart) bleibt in seiner Trauer seltsam isoliert und treibt sich lieber in der wohlhabenden Nachbarschaft herum, wo er seinen homosexuellen Kumpel ausspioniert oder seine Angebetete beim Schwimmen beobachtet.

Im lähmenden Zustand des Wartens entfalten sich die Nebengeschichten in traumähnlicher Langsamkeit. Gehüllt in den weißen Rauch der Brände begegnet Angela dem sympathischen und doch undurchsichtig bleibenden Nachbarn Ben (Luke Grimes), der sie auf andere Gedanken bringt.

Derweil nimmt Emmas Gebaren absurde Züge an. Sie kauft Geschenke, macht sich die Haare und während sie im geschmückten Wohnzimmer tanzt, zieht sich ihre Tochter eine Daunenjacke über, um nach der gekühlten Großmutter zu schauen.
Die narrative Dehnung führt den Zuschauer an das Alltägliche im Ausnahmezustand, verstrickt sich in einer Liebesgeschichte, provoziert eine gespenstische Komik und führt doch immer wieder zurück zum Eigentlichen.

Regisseur M Blash hat bereits in seinem ersten Langspielfilm Lying (2006) mit den Schauspielerinnen Chloe Sevigny und Jena Malone zusammen gearbeitet und auch in The Wait überzeugen die beiden als unterschiedliches Geschwisterpaar. Dass M. Blash von Haus aus auch Videokünstler, Fotograf und Künstler ist, sieht man dem Film an. Stilbewusst setzt er zeitgenössische Landhausarchitektur gegen Bilder von glühendem Unterholz, inszeniert einen im Zeitraffer schäumenden Wolkenstrudel vor untergehender Sonne und schafft nicht zuletzt mit Hilfe der sphärischen Popmusik von The Cure beeindruckende Stimmungsbilder.
Besonders markant sind die wiederkehrenden Bilder der Löscharbeiten. Ein tief fliegendes Flugzeug hinterlässt einen tomatenroten Löschsandstreifen, der unter den gleißenden Gebirgskämmen, über die Pinienwälder hinunter auf eine Pferdekoppel sinkt und die Leinwand in zwei Bildhälften teilt, vor der sowohl Ian, als auch der Zuschauer bewegungslos verharren.
Es sind Bilder des Stillstands und der Ewigkeit. Holz verbrennt, eine neue Liebe wird entfacht, Emma spielt ihrer Tochter das Video ihrer Entbindung vor, die Großmutter zeigt sich noch einmal.

So ist The Wait zugleich eine leicht unterkühlte aber visuell dichte Abhandlung über Liebe, Geburt und Tod, die schlussendlich in einer furiosen Zuspitzung von Ton- und Bildfetzen über ihrem Grundthema implodiert.






VIC AND FLO SAW A BEAR von DENIS CÔTÉ (Kanada, 2013)



Vic hat ihre Strafe abgesessen und entscheidet sich für ein neues Leben in Abgeschiedenheit. Die stillgelegte Zuckerhütte ihres gelähmten Onkels scheint ein geeigneter Ort zu sein, um das Vergangene hinter sich zu lassen. Schon bald kommt ihre Geliebte Flo dazu und damit auch Vics Lebensfreude zurück. Sie lassen sich den Spaß durch den unerfahrenen Bewährungshelfer Guillaume nicht verderben, im Gegenteil, er wird schnell zur Zielscheibe ihres bissigen Humors. Eine kontaktfreudige Grundwasserbiologin namens Jackie hat auf ihrem Grundstück zu tun und gewinnt mit ihrer entwaffnenden Schlagfertigkeit Vics Sympathie, während sich Flo in den umliegenden Dorfkneipen herumtreibt.

Der Festivalbeitrag des frankokanadischen Regisseurs Denis Côté hat auf der 63. Berlinale dieses Jahr einen silbernen Bären und den Alfred Bauer Preis gewonnen. Nach seinem avantgardistisch-kontemplativen Dokumentarstück „Bestiaire“ ist Vic+Flo ein spannendes Drama mit scharfkantigen Charakteren und einer vielschichtigen Handlung.

Côté lässt den Zuschauer von Beginn an im Ungewissen. Sperrig und langsam vollzieht sich Vics Einzug in die Hütte. Sie ist zunächst schroff und unzugänglich, berührt aber zunehmend durch ihren trockenen Humor und eine überraschende Anhänglichkeit gegenüber der lebendigen Flo. Hinter all ihrer Rohheit, ihrer abschmetternden Ironie wird doch ihre große Verletzlichkeit spürbar. Es ist eben diese Ambivalenz zwischen dem straffälligen Charakter auf der einen Seite und der doch so menschlichen Sehnsucht nach Liebe und Sicherheit andererseits, die den Zuschauer umso wahrhaftiger an die Protagonistin und ihr Schicksal bindet. Doch wer Côtés Filme kennt, ahnt, dass er auf der Hut sein muss.
Côté entwickelt die Story mithilfe einer einfachen und klaren Bildsprache, bleibt stets im visuellen Hier und Jetzt. Nach einem knallig roten Vorspann ist der Film selbst in den Farben des schlichten Umlands gehalten: blau, braun, grün, grau. Der Einsatz von Musik ist dezent, zuweilen brechen pointiert beängstigende Trommelwirbel die fragile Ruhe.
Dem umliegenden Wald kommt in diesem Film eine besondere Bedeutung zu. Für Vic ist er zunächst ein Zufluchtsort. Zum ersten mal sieht sie Tiere in der freien Wildbahn, sie fängt an zu Gärtnern, liegt in der Hängematte und beobachtet die Baumwipfel. Doch der Wald ist gleichzeitig ein Ort der Gesetzlosigkeit, ein Unort. Wenn es nachts an der Tür hämmert, sind die Frauen in ihrer Angst auf sich allein gestellt. Das Frauengefängnis liegt nicht allzu weit entfernt und so ist ihnen die Vergangenheit bald dicht auf den Fersen.
Pierrette Robitaille (Vic), Romane Bohringer (Flo) und Marie Brassard (Jackie) geben ein grausam gutes Trio und machen eine selten so gesehene krude Weiblichkeit real. Die Handlung aber ist eingebettet in eine fast parabelhafte Klammer eines musizierenden Pfadfinders. Sein schräges Trompetenspiel klingt zu Beginn des Films scheußlich. Du musst mehr üben, sagt Vic. Doch in der Schlussszene wird klar, gar nichts hat sich zum Besseren gewendet.


IT FELT LIKE LOVE von ELIZA HITTMAN (USA, 2012)



It felt like Love ist Eliza Hitmanns erster Langspielfilm und erzählt von der 14-jährigen Lila (Gina Persianti) und ihrer Suche nach Liebe. Doch was ist Liebe? Ihre beste Freundin Chiara (Giovanna Salimeni) geht schon mit Jungs aus und hat bereits sexuelle Erfahrung. Ihre Beziehungen halten nicht lange und so ist Chiara Lila zwar voraus aber kein Vorbild. Doch sie ist es Leid, immer das fünfte Rad am Wagen zu sein, also geht sie aufs Ganze. Am Strand sieht sie den etwas älteren Sammy (Ronen Rubinstein), dem sie sich nun gezielt annähert. Sie findet seine Telefonnummer heraus, färbt sich die Haare, geht auf die gleichen Partys – doch so richtig geht ihr Plan nicht auf. Sie muss mehr tun, um dem erfahrenen Sammy zu gefallen...

Für ihren Microbudget-Film hat Eliza Hittman hauptsächlich Laiendarsteller und junge Schauspielschüler engagiert, denen es in herausragender Weise gelingt, das Lebensgefühl der Heranwachsenden zu transportieren. Besonders die Hauptdarstellerin Gina Piersanti verkörpert die verschlossene, unsicher-trotzige Lila mit beeindruckender Intensität.
Die Dreharbeiten fanden im August 2012 in den Vororten von Brooklyn statt. Kein großes Team, keine Extras sondern konzentriertes Arbeiten mit Freunden. Der Film profitiert von dieser Intimität. Die Kamera ist subjektiv, nah an den Figuren aber nie wertend. Es gibt nicht Täter oder Opfer sondern Mitspieler einer generationsspezifischen Hackordnung, in der Erfahrung und Anerkennung den höchsten Stellenwert besitzen.
Sowohl die Regisseurin als auch die Hauptdarstellerin wurden auf Festivals in Australien und USA für ihren Beitrag ausgezeichnet. Zu recht. Hittman inszeniert eine unaufgeregte Coming of Age Geschichte, zeigt Langeweile, Einsamkeit, Saufgelage, Geburtstage. Sie nutzt Elemente der Jugendkultur, um Diskrepanzen sichtbar zu machen. Beim Einstudieren einer Hip-Hop Performance wird beispielsweise das unterschiedliche Körperbewusstsein der Mädchen offenbar und Pornographie wird zum unreflektierten Vorbild einer erwachenden Sexualität.
Aber Hittman treibt die Handlung weiter. Nach der Vorstellung habe ich die skeptisch-verunsicherten Kommentare einiger junger Zuschauerinnen hören können, die meinen Verdacht bestätigten, dass dies ein Film weniger für sondern viel mehr über Jugendliche ist. Subtil mischen sich Ängste vor sexuell übertragbaren Krankheiten zwischen die Zeilen, die erfahrene Chiara wird von ihrem Umfeld zwar bewundert aber ihr haftet auch eine Aura der Unreinheit an. Das ist auch der Punkt, an dem die Handlung kippt. Nach und nach setzt Lila ihre Gesundheit und ihre Würde aufs Spiel, um ihrem Ziel näher zu kommen. In ihrer selbstzerstörerischen Anbiederung gerät sie in einen Zustand der stoischen Verzweiflung, die durch die desinteressierten Kommentare ihres Vaters nur weiter aufgeladen wird.
Es brodelt unter der Oberfläche. Noch zu Beginn der Handlung ist Lilas Gesicht oft mit Sonnenmilch bedeckt, die sie wie einen Schleier des Kindseins trägt. Dann spaziert der tätowierte Sammy vorbei und Lila verwischt eilig den weißen Film. Sie will sichtbar werden. Doch anstatt sich zu zeigen setzt sie eine neue Maske auf. Visuell zitiert Hittman die weißen Masken des japanischen Nō-Theaters, die hier fast wie ein Kokon vorübergehenden Schutz bieten in der einer Zeit der inneren Unruhe und Transformation.

Hittman hat es sich zur Aufgabe gemacht, den im Film oft unterrepräsentierten jungen Frauen eine Bühne zu geben. It felt like Love ist ein starker Film auf dessen Nachfolge wir gespannt sein dürfen.



Other Film Reviews


'ENCOUNTERS AT THE END OF THE WORLD' BY WERNER HERZOG (2007)


A penguin splits off from the herd, turns around and heads, like a lonesome rider accompanied by a dramatic score, toward the mountains and 'certain death'.... This is the final chord of 'Encounters at the End of the World', a documentary that pointedly wasn't supposed to become 'another film about fluffy penguins'.
But it wouldn't be a Herzog movie without the mystical, almost ironic undertone and the constant scraping of the edges of what a documentary can be.

For his 22nd feature documentary, Herzog sets out to discover the end of the world, namely McMurdo Station on the South Pole. In exceptional pictures the documentary unfolds a world of wonders and beauty, of alien-like sea creatures and depicts a moon-like landscape as habitat, not only for animals but also for a bunch of likewise eccentric workers and scientists: A linguist who now works in a greenhouse, a professional diver at the end of his career, a welder with very unusual hands and many more.
While educing the most striking personal stories of those men and women, Herzog yet maintains a narrative distance which results in occasionally comic scenes like, for example, when the camera observes the clumsy attempt of the workers to master a test set-up simulating a severe snowstorm. In the end they are hopelessly entangled in what was supposed to serve as a guiding security rope. Like in other Herzog movies, this scene reveals the recurring type of Sysiphus-like characters unsuccessfully trying to conquer an intrinsically overwhelming nature. Nature itself, it seems, turns into a conscious organism, like the ice-covered surface of the South Pole, constantly moving, shifting and, every once in a while, sending off a little 'ice-berg baby' to discover the north.

One of the protagonists says: 'we are professional dreamers'. Herzog makes himself one of them by meandering from the real beauties of the ice towards a more open concept of 'truth' where a lunatic penguin takes a radical decision, and back into the mundane realms when a sinister exorcism ceremony turns into a roaring staff party in the middle of nowhere.






'BERLIN BABYLON' BY HUBERTUS SIEGERT (2001)


Under (Re)construction. Berlin in the 90's undergoes a steep change, socially and physically. The recently regained unity after the fall of the Berlin wall in 1989 cries for symbols and the building contractors are ready to lay the foundation stones of prestigious mega projects into the fresh wounds of history.
In the tradition of Berlin films like Walter Ruttman's 'Berlin. Symphony of a Metropolis', Hubertus Siegert's 'Berlin Babylon' is a visual trip through the city, or rather through architectural offices and construction sites. The main protagonist is the biggest construction site in Europe, the Potzdamer Platz. The camera climbs the cranes, scans vitreous facades and weighs steel, wood and cement.

Siegert gives the floor to famous architects, such as Renzo Piano, Rem Koolhaas or Axel Schultes as well as to construction workers and politicians. Snippets of conversations on site and phone calls reveal their personal aspect on the collective sensation of emptiness arising from the vast bombed and ever since fallow spaces within urban Berlin after World War II and the question whether to rebuild or build new. There's no audio commentary which lets us experience their occasionally ironic and complacent statements firsthand. Instead, the rugged score by the German band 'Einstuerzende Neubauten' – which literally translated means collapsing new buildings – makes Berlin's brachial transformation audible and counteracts the grandiloquent air of the architects in charge. Their insatiable will to materialize their own urban visions appears to clutter up the painful view back into a history of destruction and separation.