JOHANNA SCHWENK AUTORIN UND MEDIENDRAMATURGIN  
 


WILLKOMMEN IM ALPTRAUM DER REALITÄT
Auszug aus „Willkommen im Alptraum der Realität!“ Soziale Gewaltkonflikte im brasilianischen Gegenwartskino. Erschienen in: Junges Kino in Lateinamerika. Reihe Filmkonzepte. Heft 18. Hrsg: Thomas Koebner et al., edition text+kritik (2010)


»Willkommen im Alptraum der Realität!«
Soziale Gewaltkonflikte im brasilianischen Gegenwartskino

Spätestens seit dem internationalen Erfolg des »Favela«-Films Cidade de Deus (City of God, BR/F 2002) von Fernando Meirelles und Kátia Lund finden Filme, die Gewalt in den unteren Gesellschaftsschichten thematisieren, auch außerhalb Brasiliens großen Anklang. Als richtungweisend erwies sich hierbei eine zunehmend explizite und lebensnahe Darstellung der Gewaltmomente. Gerechtfertigt werden die blutigen Szenen meistens mit dem Verweis auf wahre Begebenheiten, wobei der vorgebliche Wahrheitsgehalt mittels einer dokumentarisierenden Ästhetik bekräftigt wird. Auch die kommerziell weniger erfolgreichen Filmproduktionen greifen verstärkt auf realistische Darstellungsweisen zurück. Die ausdrückliche Einbettung einer fiktiven Handlung in die Wirklichkeit steht hierbei allerdings nicht im Vordergrund.

Mit Tropa de Elite (Elite Squad, BR/NL/USA 2007) von José Padilha kam 2007 erneut ein Film in die brasilianischen Kinos, der seinen Fokus auf den Bandenkrieg innerhalb einer Favela (Armenviertel) richtet. Erzählt wird hier erstmals aus der Sicht eines Polizisten. Capitão Nascimento (Wagner Moura), Kapitän der Spezialeinheit BOPE zur Bekämpfung des Drogenhandels in Rio de Janeiro, möchte seinen Posten abgeben. Die harten Präventivschläge in den Favelas und die große körperliche Anspannung gefährden zunehmend sein Privatleben. Doch bevor er sich seiner jungen Familie widmen kann, muss er einen ebenbürtigen Nachfolger finden. Der Film bezieht sich auf tatsächliche Ereignisse und bietet eine schonungslose Innensicht der korrupten Machtstrukturen der brasilianischen Polizei und der radikalen Vorgehensweisen des Elite Squad. Dabei spart Padilha nicht an deutlichen Bildern von willkürlicher Folter und Mord. Auf der Berlinale 2008 gewann Tropa de Elite den Goldenen Bären. Und obwohl der Film durch die Verbreitung illegaler DVD-Kopien bereits vor seiner Veröffentlichung in Brasilien von circa elf Millionen Menschen gesehen wurde, kamen innerhalb der ersten drei Monate seiner offiziellen Ausstrahlung knapp zweieinhalb Millionen Zuschauer in die Kinos. ..

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